[b][u]Kapitel 3 - Vom Regen in die Traufe[/u][/b]
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Als Dexter vor dem enormen, am Boden liegenden Krper zum Stehen kam, konnte er den Anblick kaum ertragen. Tod, die Maus, - seine Beute! - steckte da zwischen den zahlreichen Windungen der Schlange. Die kleine Waldmaus wirkte, verborgen inmitten des massigen Leibes des rieseigen Tigerpythons, geradezu winzig.

Wachsam blieb Dexter auf Abstand. Dicht am Boden hockend spannte er die Muskeln in seinen Lufen an, um jederzeit reagieren zu knnen, denn, wenn die Schlange ihn erwischen wrde, she es bel fr ihn aus.

Die meisten Tiere im Wald waren der Meinung, dass der Python, wenn er es denn nur wollte, leicht mit Hektor fertig werden wrde und seinen Platz als strkstes Tier des Waldes einnehmen knnte. Hektors Geweih mochte zwar eine ernstzunehmende Waffe sein, und der Hirsch war schnell und kraftvoller noch als alle anderen Bcke seiner Herde, aber wenn ihn die geballte Kraft dieses Schlangenkrpers erst einmal im Griff htte, gbe es auch fr ihn kein Entkommen mehr. Gift besa der Python zwar keines, aber mit einem solch tdlichen Krper war das wohl auch nicht notwendig. Zu Hektors Gunsten, und wohl auch zu den aller anderen Waldtiere, hegte die Schlange allerdings keine derartigen Ambitionen. Zu Dexters Ungunsten dagegen, verhielt es sich so, dass die Schlange sehr wohl aber ein gewisses Interesse an kleinen Nagern besa.

Was ebenfalls nicht gerade fr Dexters Situation sprach, waren die Gerchte ber den Tigerpython, nach denen das hungrige Monstrum immer wieder mal einen anderen Waldbewohner frisst. Mal nur ein  Kaninchen, dann ein Rehkitz und sogar ganze Wildschweine soll er verschlingen. Man sagt, er habe sogar schon den einen oder anderen Fuchs erwischt. Dexter glaubte nicht wirklich daran, andererseits hatte er aber auch nicht gerade das Verlangen danach, die Wahrheit als erster herauszufinden.

Wtend knurrte der Rotfuchs den zusammengerollten Tigerpython an: Rck die Maus raus, Schlange!

Gnzlich unbeeindruckt wand sich das Reptil im Laub und schlngelte sich um seinen eigenen Krper. Verschwinde wieder, Rotpelz! Ich war gerade dabei mich zu sonnen.

Argwhnisch behielt Dexter den Kopf der Schlange im Auge, der sich schtzend hinter dem Rest des Krpers versteckte. Gib mir die Maus! Dann str ich dich nicht weiter und verschwinde wieder, wiederholte er seine Forderung, diesmal nur etwas diplomatischer formuliert.

Str mich nicht weiter und ich lasse dich vielleicht verschwinden!

Wtend machte Dexter ein paar Schritte hin und her. Er wusste, dass die Schlange Tod nicht selbst fressen wrde, also wrde er noch eine Chance bekommen den kleinen Pimpf zu erwischen, dennoch viel es ihm schwer zu verkraften, dass Tod ihm wieder einmal entwischt sein sollte.

Der Python, obgleich er die Maus bereits in seiner Gewalt hatte, beabsichtigte sie aus einem ganz bestimmten Grunde nicht zu fressen. Denn es gab eine Abmachung zwischen der Schlange und den vielen Nagern des Waldes: Er versprach die Nager nicht zu fressen, und im Gegenzug dafr verrieten die kleinen und findigen Muse, Ratten, Marder und Wiesel ihm, wo er leicht an ein paar Eier herankommen konnte. Der Python liebte Eier und, abgesehen davon, wre eine Maus oder eine Ratte ohnehin nichts weiter als ein Appetithppchen fr das riesige Tier - Kaum der Mhe wert.

Natrlich war diese Abmachung ein Bruch mit den Gesetzen des Waldes, aber wer wollte es der Schlange schon verbieten? Diesem Monster, das selbst einen unzhmbaren Eber zermalmen konnte?! Und darber hinaus war er nur EINE Schlange. Irgendwo in einem anderen Teil der Welt gefangen, wurde er hierher gebracht und als Haustier von den Menschen gehalten. Bis er ihnen zu gro wurde, jedenfalls. Dann, nmlich, setzte man ihn einfach hier im Wald aus. Da sich die Schlange hier alleine nicht fortpflanzen konnte, und somit nicht die Gefahr bestand, dass das Gleichgewicht des Waldes massiv gestrt wurde, lie man die Schlange gewhren, ohne sie formell zu verbannen.

Aus dieser Abmachung heraus ergab sich dann manchmal eine Situation wie diese, in der es einem Nager gelang, sich bei der Schlange zu verstecken. Natrlich wre niemand dumm genug den Python wegen einer winzigen Maus anzugreifen und sein Leben aufs Spiel zu setzten, also zog Dexter sich zurck.

Wenn Dexter, wie die Menschen, errten knnte, stnde sein ohnehin schon roter Pelz jetzt sicher vor Wut in Flammen. Wieder konnte ihm dieser Mickerling entwischen und wieder blieb ihm nichts anders brig als den Rckzug anzutreten. Irgendwann werd ich dich schon noch erwischen, Tod, verlass dich drauf!, schnaubte er dem Muserich entgegen, der sich immer noch geschtzt zwischen den Windungen der Schlange befand. Und dann wird dir kein noch so tiefes Loch und kein noch so groer Regenwurm mehr helfen knnen!

Dann verschwand der Fuchs wieder im Wald.

Als der Strenfried auer Sichtweite war, entwirrte sich der zum Schutze verknotete Krper der Schlange langsam zu einer Spiralform, in deren Mitte Tod vom Schwanzende des Pythons festgehalten wurde. Bedchtig und grazil bewegte sich der schlanke Kopf ber die Rundungen und beobachtete die Maus mit seinen kalten Augen und den feinen Sinnen seiner hervorzischelnden Zunge.

Man, Bao!, sprach Tod, der von der Prsenz der Schlange zwar etwas eingeschchtert war, sich aber nichts anmerken lie. Du hast mich ganz schn erschreckt. Ich dachte schon, jetzt wre es aus mit mir.

Nun endete die kreisende Bewegung des Kopfes und er sank nieder, um auf dem Rest des braungelb gemusterten Krpers zu ruhen. Was soll ich denn erst sagen?, klagte Bao. Immer strt ihr kleinen Qulgeister mich bei meinem Sonnenbad, und immer bringt ihr so unfreundlichen Besuch mit.

Du machst doch fast den ganzen Tag nichts anderes als dich zu sonnen. Wie soll man dich da bei was anderem stren?

Pltzlich blieb Tod die Luft weg, als der krftige Schwanz des Tigerpython begann seinen Krper zu wrgen. Jetzt werd nicht frech, Maus!, ermahnte Bao ihm mit einem weiteren bedrohlichen Zischeln mit der Zunge.

Schon gut, schon gut!, versuchte Tod ihn zu beschwichtigen, whrend er probierte sich aus Baos Griff zu befreien. Danke jedenfalls fr die Hilfe. Aber noch lie die Schlange ihn nicht los.

Mit eiserner Gewalt hinderte Bao Tod daran zu entkommen. Dann rckte der schuppige Kopf mit seiner gespaltenen Zunge der Maus gefhrlich nahe zu Leibe, bevor die Schlange fragte: Hast du vielleicht noch was fr mich?

Tod wusste genau, dass Bao eine Gegenleistung fr den Schutz vor Dexter verlangte. In Situationen wie dieser, war es blich, dem Python ein Ei zu bringen oder ihn zu einem Nest zu fhren, um ihm fr seine Mhen zu danken. Nur standen Eier leider nicht unbedingt ganz oben auf Tods Speisekarte, und so hatte er im Moment keine Ahnung, wo er eines hernehmen sollte.

Ich bring dir schon noch ein Ei, Bao, versprach Tod. Ich muss nur erst mal eins finden.

Noch immer lie er nicht locker und schob seinen Kopf noch dichter an Tod heran. Gerissen, wie nur eine Schlange sein konnte, whlte Bao seine nchsten Worte genau. Ach komm..., murmelte er mit einem angsteinflenden Grinsen auf seinem glatten Gesicht. So eine schlaue, kleine Maus wie du, wei doch sicher, wo so ein groer, hungriger Python wie ich, ein Ei herbekommt? Wieder lie er die Zunge aus seinem Maul blitzen, und diesmal berhrte sie fast Tods Nase. "Oder soll ich einfach dich fressen?

Mhsam schluckte Tod einen Klo herunter, der, dank des unnachgiebigen Wrgegriffes der Schlange, trotzdem in seiner Brust hngen blieb. Nun sei doch nicht so, Bao!, mahnte er behutsam. Ich sage doch, dass ich dir ein Ei bringen werde. Ich such dir auch ein besonders groes aus. Versprochen! Auerdem schmecke ich ganz furchtbar!

Dann, endlich, lie der Python Tod herab und sein Schwanz lste sich wie eine Fessel von dem zarten Krper des Nagers. Versuch nicht, mich zum Narren zu halten, kleine Maus!, drohte er noch. Sonst ist der Fuchs bald dein geringstes Problem!

Endlich befreit, stand Tod nun wieder auf seinen eigenen Pfoten und streckte seinen gequetschten Krper. Danke, Bao. Ich wusste, dass man mit dir reden kann.

Ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren, entrollte Bao seinen Krper vollstndig und glitt ein Stck durch das Laub, bis er an einer sonnigen Stelle inne hielt und regungslos liegen blieb.

Um nicht noch einem ungebetenen Jger ber den Weg zu laufen, machte Tod sich schleunigst auf zurck zu seinem Bau. Mit etwas Glck ist Dexter fr heute der Appetit vergangen und er lauert ihm nicht noch irgendwo auf, dachte er. Aber davon abgesehen hatte er jetzt noch ein weiteres Problem: Irgendwie musste es ihm gelingen ein Ei fr den Python aufzutreiben.

